Lehm im großen Maßstab denken: Herausforderungen und Chancen für die Baupraxis
Der Transformationsdialog der Bundesstiftung Bauakademie widmete sich diesmal dem Thema Lehmbau. Gemeinsam mit Expert*innen aus Forschung, Planung, Wohnungswirtschaft und Produktion wurde diskutiert, welche technologischen, wirtschaftlichen und regulatorischen Voraussetzungen notwendig sind, um Lehm als ressourcenschonenden Baustoff stärker im Bauwesen zu etablieren.
Lehm gilt als einer der vielversprechendsten Baustoffe für ein ressourcenschonendes und klimafreundliches Bauen. Seine positiven Eigenschaften reichen von einer geringen Umweltbelastung in der Herstellung über die Wiederverwendbarkeit bis hin zu einer natürlichen Regulierung des Raumklimas. Gleichzeitig ist der Baustoff längst kein Nischenprodukt mehr. Mit der Einführung der DIN 18940 für tragendes Lehmsteinmauerwerk bis Gebäudeklasse 4 sowie neuen Entwicklungen in der Vorfertigung und Automatisierung entstehen zunehmend Anwendungen im mehrgeschossigen Wohnungsbau.
Im Gespräch machte Prof. Dr. Christof Ziegert von ZRS Ingenieure Berlin deutlich, dass die technischen und normativen Grundlagen für den konstruktiven Lehmbau heute weitgehend vorhanden sind. Herausforderungen bestünden weniger in der Machbarkeit als vielmehr in der Überführung in die Breite der Bauwirtschaft. Dafür brauche es mehr Wissen über den Baustoff, eine stärkere Verankerung in Ausbildung und Lehre sowie mehr gebaute Beispiele.
Welche Potenziale Lehmbau für die Wohnungswirtschaft bietet, zeigte Alexander Stolzenberg anhand eines aktuellen Pilotprojekts der Stadt und Land Wohnbauten-Gesellschaft Berlin. Dort wird ein Wohngebäude in Holz-Ziegel-Lehmbauweise über mehrere Jahre wissenschaftlich begleitet. Ziel ist es, Erkenntnisse über Wohnqualität, Energieverbrauch und die Leistungsfähigkeit von Low-Tech-Ansätzen zu gewinnen. Die bisherigen Erfahrungen bestätigen das Potenzial des Baustoffs für ein behagliches und nachhaltiges Wohnen.
Die regionale Perspektive brachte Dr. Franziska Knoll vom WIR!-Bündnis GOLEHM Mitteldeutschland ein. Sie erläuterte, wie Lehm als lokal verfügbarer Baustoff neue Wertschöpfungsketten schaffen und strukturschwache Regionen stärken kann. Gleichzeitig sei es wichtig, bestehendes Wissen zum Lehmbau weiterzuentwickeln und sowohl historische Bestandsbauten als auch innovative Neubauprojekte stärker in den Fokus zu rücken.
Einen praxisnahen Einblick in die Materialgewinnung gab Christian Gäth, Gründer von Earthbound Berlin. Sein Unternehmen verarbeitet Baugrubenaushub zu Lehmbaustoffen und zeigt damit, wie Abfallströme zu wertvollen Ressourcen werden können. Der Ansatz verdeutlicht das Potenzial des Lehmbaus für eine funktionierende Kreislaufwirtschaft im Bauwesen.
In der abschließenden Diskussion wurde deutlich, dass die Voraussetzungen für eine stärkere Verbreitung des Lehmbaus heute besser sind als je zuvor. Gleichzeitig bestehen weiterhin Hürden, wie fehlende Erfahrungen bei vielen Planenden und Bauunternehmen, unzureichende wirtschaftliche Anreize durch fehlende CO2-Praxissteuerung sowie die noch geringe Bekanntheit des historischen Baustoffs in seiner zeitgenössischen Anwendung außerhalb der Fachwelt.
Einigkeit herrschte darüber, dass die Transformation des Bauens nur mit einem stärkeren Fokus auf Lebenszyklusbetrachtungen, Ressourcenschonung und CO₂-Reduktion gelingen kann. Lehm bietet hierfür vielversprechende Ansätze. Der Schritt vom erfolgreichen Einzelprojekt zur breiten Anwendung wird nun maßgeblich davon abhängen, wie schnell Wissen, Erfahrungen und geeignete Rahmenbedingungen in die Praxis getragen werden können.
Foto: Raquel Gómez Delgado für Earthbound (2025).